Pflegeerschwerende Faktoren

Die Pflege eines Angehörigen bringt viele Herausforderungen mit sich. Ist der Pflegebedürftige zudem von pflegeerschwerenden Faktoren betroffen, steigen die Anforderungen an die Pflege. Was sind pflegeerschwerende Faktoren und wie kann damit umgegangen werden?

Die Gründe, warum ein Mensch pflegebedürftig werden kann, sind vielfältig. In vielen Fällen sind es körperliche Erkrankungen, die die Mobilität und den eigenständigen Umgang mit alltagstypischen Tätigkeiten einschränken. Oftmals ist es auch das reine Alter: Bei vielen Senioren lassen sowohl die körperlichen als auch die geistigen Fähigkeiten nach und erfordern eine Unterstützung im Alltag. Darüber hinaus können auch Unfälle oder körperliche sowie geistige Behinderungen eine Pflegebedürftigkeit auslösen.

In der Regel wird die Pflege durch einen Angehörigen oder einen ambulanten Pflegedienst übernommen. Der Vorteil liegt darin, dass der Pflegebedürftige weiterhin zuhause oder in einem häuslichen Umfeld leben kann und nicht darauf angewiesen ist, einen Platz in einem Pflegeheim zu bekommen. Solange der Pflegebedürftige körperlich oder geistig noch einigermaßen fit und eigenständig ist, stellt das in der Regel kein Problem dar. Komplizierter wird es, wenn Faktoren hinzukommen, die die Pflege erschweren, etwa wenn nicht nur tagsüber, sondern auch während der Nacht eine Pflegeperson anwesend sein muss oder die Sinneswahrnehmungen des Pflegebedürftigen eingeschränkt sind.

Was sind pflegeerschwerende Faktoren?

Unter dem Begriff „pflegeerschwerende Faktoren“ werden alle Aspekte der Pflege zusammengefasst, die den täglichen Pflegeaufwand erhöhen. Von körperlichen Einschränkungen über geistige Defizite bis hin zum Einsatz zeitaufwändiger Hilfsmittel umfassen sie sämtliche Faktoren, die einen erhöhten Zeitaufwand oder eine zweite Pflegekraft erfordern. In der täglichen Pflegeroutine sorgen diese Faktoren für eine Erschwernis, weil sie nicht nur den Aufwand erhöhen, sondern auch sehr individuelle Anforderungen an die pflegende Person stellen können.

Welche Faktoren gelten als „pflegeerschwerend“?

  • Körpergewicht höher als 80 kg
  • Fehlstellung von Extremitäten, Kontrakturen oder Einsteifung großer Gelenke
  • Spasmen, einschießende unkontrollierte Bewegungen
  • eingeschränkte Belastbarkeit des Pflegebedürftigen, z. B. durch kardiopulmonale Dekompensation mit Orthopnoe und ausgeprägter zentraler und peripherer Zyanose, periphere Ödeme
  • Unfähigkeit, Blase und Darm selbst zu entleeren; Erforderlichkeit der mechanischen Harnlösung oder der digitalen Darmentleerung
  • Atemstörungen
  • Schluckstörungen, Störungen der Mundmotorik
  • Abwehrverhalten, fehlende Kooperation mit der Pflegeperson bzw. bei der Übernahme von Pflegehandlungen (vor allem bei geistigen Behinderungen/psychischen Erkrankungen)
  • stark eingeschränktes Hören oder Sehen
  • starke therapieresistente Schmerzen
  • pflegebehindernde räumliche Verhältnisse
  • zeitaufwändiger Hilfsmitteleinsatz (z. B. bei fahrbaren Liftern/Decken- oder Wandliftern)
  • verrichtungsbezogene, krankheitsspezifische Pflegemaßnahmen, die medizinisch regelmäßig erforderlich sind:
    • aus medizinisch-pflegerischen Gründen Bestandteil der täglichen Grundpflege
    • objektiv notwendig im unmittelbaren zeitlichen oder sachlichen Zusammenhang mit Verrichtungen der Grundpflege (z. B. das Anziehen von Kompressionsstrümpfen)

Jeder einzelne der hier beispielhaft aufgeführten pflegeerschwerenden Faktoren erfordert eine besondere Achtsamkeit bei der täglichen Pflege. Sowohl für die pflegebedürftige als auch die pflegende Person bedeutet die Pflegeerschwernis eine besondere Herausforderung: Ist der Pflegebedürftige besonders schwer und muss regelmäßig neu gelagert werden, muss die Pflegeperson körperlich dazu in der Lage sein. Gleichzeitig ist es vielen Pflegebedürftigen unangenehm, sich helfen lassen zu müssen – die Ablehnung der Pflege und mangelnde Kooperation bei der Grundpflege sind daher keine Seltenheit und müssen bei der Pflegeplanung und -durchführung eingeplant und bedacht werden.

Wie wirken sich pflegeerschwerende Faktoren auf die Bewilligung von Pflegeleistungen aus?

In ihrer Auswirkung auf den tatsächlichen täglichen Pflegeaufwand nehmen pflegeerschwerende Faktoren natürlich auch zuweilen entscheidenden Einfluss auf die Bewilligung eines Pflegegrads. Und das zu Recht: Schließlich resultiert ein erhöhter Pflegeaufwand in aller Regel auch in höheren Kosten, sei es für Hilfsmittel, die für die Pflege benötigt werden oder einen ambulanten Pflegedienst, der mehrmals am Tag zu dem Pflegebedürftigen nach Hause kommt und sich um die Grundpflege und hauswirtschaftliche Tätigkeiten kümmert.

Werden die pflegeerschwerenden Faktoren im Rahmen der Pflegebegutachtung aufgenommen und in die Entscheidung einbezogen, welchen Pflegegrad der pflegebedürftige Versicherungsnehmer erhält, sollte der bewilligte Pflegegrad dem tatsächlichen Pflegeaufwand in etwa entsprechen. Trotzdem kommt es häufig vor, dass die Einstufung durch den MDK und in der Folge auch der Pflegegrad zu niedrig ausfällt. Pflegebedürftige erhalten dann zwar einen Pflegegrad, jedoch nicht den, der ihnen eigentlich zustehen würde, sofern sämtliche Faktoren in die Entscheidung einbezogen worden wären. Auch die Leistungen der Pflegeversicherung fallen dann niedriger aus: Pflegende Angehörige erhalten weniger Geld, und auch die Sachleistungen durch einen ambulanten Pflegedienst sind nur eingeschränkt möglich.

Wie lässt sich der richtige Pflegegrad sicherstellen?

Eine Garantie auf einen bestimmten Pflegegrad erhalten Pflegebedürftige in der Regel nicht. Trotzdem haben pflegende Angehörige viele Möglichkeiten sicherzustellen, dass ihre pflegebedürftigen Familienmitglieder auch die Leistungen erhalten, die ihnen zustehen.

 
Erfolgreich einen Pflegegrad beantragen
 

Schon vor der ersten Begutachtung durch den MDK sollten Angehörige sich mit dem System der Pflegegrade und deren Vergabe intensiv auseinandersetzen. Je genauer ihnen die Anforderungen der einzelnen Pflegegrade bekannt sind und je besser sie einschätzen können, ob die Pflege ihres Angehörigen unter die „pflegeerschwerenden Faktoren“ fällt, desto besser können sie sich auf die Begutachtung vorbereiten. Weil die Begutachtung häufig unter Zeitdruck stattfindet, werden wichtige Faktoren vergessen, nicht beachtet oder sind den Angehörigen schlichtweg nicht bekannt. Ein Pflegetagebuch und die genaue Vorbereitung auf die Fragen des MDK-Gutachters bilden daher einen wichtigen Baustein, um letztlich den Pflegegrad zu erhalten, der einem Pflegebedürftigen zusteht.

Wird trotzdem ein zu niedriger Pflegegrad vergeben, haben die Betroffenen immer noch die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Wenn die entsprechenden pflegeerschwerenden Faktoren bei der Begutachtung nicht berücksichtigt wurden, haben Pflegebedürftige das Recht, dies einzufordern – denn per Gesetz ist der Gutachter verpflichtet, diese Faktoren zu berücksichtigen. Dem MDK Gutachten lässt sich entnehmen, ob die pflegeerschwerenden Faktoren in die Entscheidung eingeflossen sind oder nicht. Ist das nicht der Fall, können pflegende Angehörige einen detaillierten Widerspruch einreichen, mit dem sie begründen, warum dem Pflegebedürftigen ein höherer Pflegegrad zusteht. Eine Beratung durch einen Pflegeexperten kann die Erfolgschancen erhöhen.