Pflegegrade neu

Seit Anfang 2017 hat sich in der Pflege vieles verändert. Die wohl wichtigste Neuerung sind die neuen Pflegegrade, die den Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung vollkommen neu definieren.

Bereits vor dem Jahreswechsel 2016/2017 wurden einige Neuerungen in der gesetzlichen und privaten Pflegeversicherung umgesetzt. Seit Anfang 2017 sind jedoch auch die Pflegegrade neu, womit sich das mehrstufige System, auf dem die Leistungen der Pflegeversicherungen im Pflegefall basieren, von Grund auf erneuert hat.

Neu ist, dass es nicht mehr drei Pflegestufen, sondern fünf Pflegegrade gibt. An die Stelle der Pflegestufen 1, 2 und 3 sowie der zusätzlichen Pflegestufe 0 sind die Pflegegrade 1, 2, 3, 4 und 5 getreten. Sie bilden das neue, ebenfalls mehrstufige System, nach dem die Pflegeversicherung entscheidet, welchem Pflegebedürftigen welche Leistungen der Pflegekasse zustehen. Anders als die Pflegestufen findet in den neuen Pflegegraden eine stärkere Differenzierung zwischen den einzelnen Schweregraden der Pflegebedürftigkeit statt, wobei neben körperlichen Beeinträchtigungen auch geistige und psychische Defizite berücksichtigt werden.

Für wen sind die neuen Pflegegrade besonders wichtig?

Die neuen Pflegegrade wurden im Rahmen der Pflegereform entwickelt und sind Teil des sogenannten Zweiten Pflegestärkungsgesetzes (PSG II). Dieses stellt körperlich beeinträchtigte Pflegebedürftige mit Menschen mit einer kognitiven oder psychischen Erkrankung auf eine Stufe. Während die Pflegestufen in erster Linie den körperlich Erkrankten einen Zugang zu Pflegeleistungen ermöglichten, profitieren insbesondere Pflegebedürftige mit geistigen und psychischen Defiziten von dem neuen Gesetz. Mithilfe eines neuen Begutachtungssystems können ihnen die gleichen Pflegeleistungen zugänglich gemacht werden wie körperlich Pflegebedürftigen.

Weil mit einer körperlichen Beeinträchtigung häufig auch andere Fähigkeiten und Kompetenzen einer Einschränkung unterliegen, können auch viele körperlich Pflegebedürftige nach der Umstellung auf Pflegegrade höhere Leistungen in Anspruch nehmen. Je nachdem, welche Pflegestufe ein Pflegebedürftiger vor der Umstellung besaß, haben sich auch hier die Leistungssätze erhöht. Für andere Pflegebedürftige hat sich im Bezug auf die Leistungen nichts oder nur wenig verändert, jedoch soll durch die Reform insgesamt niemand schlechter gestellt werden als zuvor.

Von Pflegestufen zu Pflegegraden – Überleitung

Die alten Pflegestufen wurden durch die neuen Pflegegrade vollständig ersetzt. Wer schon 2016 Leistungen der Pflegeversicherung bezogen hat, wurde im Zuge der Umstellung auf Pflegegrade automatisch in den entsprechenden Pflegegrad übergeleitet.

Definiert wird die Überleitung in §140 des Elften Sozialgesetzbuchs (SGB XI). Pflegebedürftige mit einer Pflegestufe 1, 2 oder 3 wurden bei einer rein körperlichen Pflegebedürftigkeit jeweils einen Pflegegrad höher in die Pflegegrade 2, 3 oder 4 überführt. Menschen mit einer Pflegestufe 0 wurden direkt in den Pflegegrad 2 übergeleitet. Und auch Pflegebedürftige mit einer bescheinigten „Eingeschränkten Alltagskompetenz (EA)“, also z. B. Demenzkranke oder psychisch Erkrankte, wurden um zwei Stufen höher eingeordnet: Die Pflegestufen 1, 2 und 3 mit EA gingen über in die Pflegegrade 3, 4 und 5.

Im Fokus der neuen Pflegegrade steht die noch vorhandene Selbstständigkeit der Pflegebedürftigen. Weil aber die Überleitung einem rein rechnerischen Prinzip folgte und keine Rücksicht auf Einzelfälle nehmen konnte, erhalten nun einige Pflegebedürftige im Vergleich zu ihrem tatsächlichen Pflegebedarf zu niedrige, andere dagegen zu hohe Leistungen. Ein genauer Blick auf die Voraussetzungen für die einzelnen Pflegegrade oder eine individuelle Pflegeberatung mit Analyse der aktuellen Pflegesituation kann sich deshalb für viele Pflegebedürftige lohnen.

Neue Pflegegrade – neues Begutachtungssystem

Wer vor dem Jahreswechsel 2016/2017 noch keine Pflegestufe besaß, aber Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen möchte, muss nach wie vor zunächst einen Antrag bei der zuständigen Pflegeversicherung stellen. Der Ablauf des Einstufungsverfahrens folgt denselben Stationen wie bei den alten Pflegestufen, jedoch werden die Antragsteller nun nach einem neuen Begutachtungsverfahren in ihrem Grad der Pflegebedürftigkeit bewertet.

Dieses neue Prüfverfahren nennt sich „Neues Begutachtungsassessment“, kurz NBA, und dient den unabhängigen Pflegegutachtern des Medizinischen Dienstes (MDK) oder einer anderen Prüforganisation als Grundlage für die Erstellung eines Pflegegutachtens.

Aufgebaut ist das Begutachtungsassessment aus einem umfangreichen Fragenkatalog, der insgesamt sechs Bereiche abdeckt, die für die Selbstständigkeit eines pflegebedürftigen Versicherungsnehmers von Relevanz sind. Mithilfe eines Punktesystems ermittelt das Pflegegutachten den Grad der noch vorhandenen Selbstständigkeit und stellt somit eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die Pflegeversicherung dar, die letztlich den Pflegegrad bewilligen muss.

Um den Grad der Pflegebedürftigkeit zu ermitteln, fragt das Begutachtungsassessment insgesamt sechs Bereiche ab und vergibt Punkte in jedem dieser Bereiche. Dabei gilt: Je weniger Selbstständigkeit noch vorhanden ist, desto höher die Punktzahl. Die Bereiche sind:

  1. Mobilität
  2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
  3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
  4. Selbstversorgung
  5. Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen
  6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

Zuletzt werden die Punkte, die in den einzelnen Bereichen vergeben wurden, zu einer Gesamtsumme zusammengerechnet. Die Berechnung folgt einer gesetzlich vorgegebenen Gewichtung, wobei den Bereichen „Selbstversorgung“ und „Krankheits- und Belastungsbewältigung“ die höchste Relevanz zugesprochen wird.

Um einen Pflegegrad zu erhalten, müssen mindestens 12,5 Punkte erreicht werden; darunter erfolgt eine Ablehnung des Pflegebedürftigkeitsantrags:

  • 12,5 bis unter 27 Punkte: Pflegegrad 1 (Geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit)
  • 27 bis unter 47,5 Punkte: Pflegegrad 2 (Erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit)
  • 47,5 bis unter 70 Punkte: Pflegegrad 3 (Schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit)
  • 70 bis unter 90 Punkte: Pflegegrad 4 (Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit)
  • 90 bis 100 Punkte: Pflegegrad 5 (Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung)

Warum wurden Pflegestufen auf Pflegegrade umgestellt?

Im Laufe der Zeit wurde die Pflegeversicherung immer weiter ausgebaut, jedoch ohne dass alle pflegebedürftigen Versicherungsnehmer unter denselben Voraussetzungen begutachtet wurden. Insbesondere Menschen mit einer kognitiven Erkrankung, z. B. Demenz, wurden dadurch benachteiligt, wenn sie nicht zusätzliche körperliche Einschränkungen besaßen, die ihnen den Zugang zu Pflegeleistungen ermöglicht hätten. Für sie wurde zunächst die Pflegestufe 0 eingeführt, die sich jedoch als nicht ausreichend herausstellte. Die neuen Pflegegrade ermöglichen eine gleichwertige Behandlung aller Antragsteller, die es so zuvor nicht gab.